Einsamkeit und Erkenntnis.

Wie wohl jeder Mensch kenne ich viele Momente und viele Geschmacksnuancen von Einsamkeit. Einige davon stechen für mich heraus und sind mir im Gedächtnis geblieben, weil ich durch sie etwas tiefes sehen und lernen durfte. Immer über Liebe.


Mexiko, Sierra Madre, Oktober 2016. Ich begleite meinen damaligen Partner zu seinem Filmdreh beim Volk der Huicholes, die hoch oben zwischen den Tälern und Bergen der Sierra Madre leben, am Ende von holprigen Wegen, ziemlich fernab der „Zivilisation“. Sie sind die Hüter des Peyote, ein halluzinogener Kaktus und bekannte Medizinpflanze, mittlerweile auch unter Hippies und Hipstern der ganzen Welt. Wir drehen dokumentarisch und leben einige Wochen mit den Huicholes in ihrem Alltag, nehmen Teil an ihren Ritualen, der Arbeit auf dem Feld, den Trinkgelagen am Abend. Meine Partnerschaft ist dort und in dieser Zeit schon am zerbrechen, und ich fühle mich so fremd wie nie bisher in meinem Leben. Von der romantisierten Vorstellung über indigene Völker blättert viel Farbe ab, und darunter kommt Unschönes zum Vorschein. Armut, Gewalt, Perspektivlosigkeit, Sucht. Von meiner eigenen Vorstellung von uns als weltoffenen Reisenden blättert auch viel Farbe ab, und darunter sehe ich die Überheblichkeit, Gier, Ignoranz und Angst der Kultur, die mich geprägt hat.



Und noch etwas sehe ich, spüre ich am eigenen Leib, so deutlich wie nie zuvor: Meine Getrenntheit von Frauen, und vom Weiblichen an sich.


Vor dem Kaliwei, dem runden Zeremoniengebäude, findet ein Ritual statt, mit Peyote und Maisbier, Gesang und stampfendem Trance-Tanz. Ich bin die einzige Frau in einem Filmteam von Männern, und es fällt mir selbst kaum auf, ich bin es so gewohnt unter Männern zu sein und mich einzupassen in ihre Art, miteinander zu sein. Aber jetzt werde ich schneller müde als sie, von Peyote und Bier, und jemand zeigt mir, dass ich mich ins Kaliwei legen kann – zu den anderen Frauen der Huicholes, die dort schon mit einigen Kindern liegen und miteinander flüstern, in ihrer Sprache, die ich nicht verstehe.

Da liege ich also in einem runden Steingebäude mit Strohdach, von draußen scheint das Feuer hinein, ich höre die Stimmen und den Gesang der Männer draußen und hier drinnen das Flüstern und Kichern der Frauen, ihre Stimmen, die die Kinder beruhigen, ich spüre ihr Zusammensein und die Wärme ihrer Zugehörigkeit zu einem Kreis von Frauen – und ihre Irritation über mich: Eine Frau Anfang 30, ohne Kinder, die nur mit Männern reist und jetzt allein hier liegt.


Ich falle in einen Moment von tiefster Einsamkeit. Ohne Drama, ganz friedlich. Es ist, als fällt eine Illusion von mir ab und ich sehe, was ist: Ich bin getrennt, und trenne mich selbst, von Frauen und dem Weiblichen. Und hier ist eine Gebärmutter aus Lehm, Stein und Stroh, die mich, wenn auch verwundert, aufnimmt.



Ich bin so dankbar für diesen Moment und diese Erfahrung. Auch wenn dort im Außen Armut herrscht, auch wenn Frauen und Männer dort in Geschlechterrollen festhängen und Gewalt an der Tagesordnung ist: Ich habe so viele Geschenke erhalten, aus einem Reichtum von Zugehörigkeit und Lebensfreude, den ich in meiner Kultur bis dahin wenig kannte.


Ich habe dann angefangen, zuhause danach zu suchen. Die körperliche Erfahrung gemacht, dass ich als Mensch, und vielleicht sogar noch mehr als Frau, ein „Herdentier“ bin, und unter bestimmten Bedingungen ein Kreis von Frauen mich auf eine Art entspannen kann, die so heilsam ist. Und noch viel weiter, dass über die Entspannung hinaus dort eine Form des Miteinander-Seins geübt und vorbereitet werden kann, die ich mir für die Welt wünsche, egal ob in der Sierra Madre oder in Berlin: Dass Männlich und Weiblich in Frieden zusammenkommen, zuerst in uns selbst, und dann im Außen. Dazu braucht es, dass ich mich rückverbinden kann mit dem Weiblichen in all seinen Aspekten und Archetypen.


Heilung heißt für mich: Aus der Getrenntheit wieder ganz werden.


P.S.: Zwei Monate später fand ich mich in Indien wieder, nach 10 Jahren Beziehung frisch getrennt, und erneut: Einsam. Gerettet haben mich die warmen Ölmassagen einer wundervollen Inderin in meinem Alter, und mein Wissen: Ich hab' etwas zu tun in der Welt! Raum schaffen für dieses Tiefersinken, in meinem Körper, im Zusammensein unter Frauen, zwischen Frauen und Männern, und auch im Zusammensein mit mir selbst und dem großen Pulsen des Lebens in allem.




Alle Bilder aus Mexiko sind von Moritz Tessendorf.

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